Gastland Buchmesse 2019: Norwegen

Zur Frankfurter Buchmesse hier eine kleine Auswahl von feinen Büchern aus oder über Norwegen – dem Gastland 2019.

Agnar Mykle: Liebe ist eine einsame Sache

Zum ersten Mal seit Jahren fährt der 32-jährige Komponist Ask Burlefot in seine Heimatstadt Trondheim – zur Beerdigung seines jüngeren Bruders Balder. Auf seiner Reise erinnert er sich an die 1930er, als er Hilfslehrer an einer Handelsschule in Nordnorwegen war und es endlich schaffte, sich von seinem dominanten Vater zu befreien. Doch das schlechte Gewissen, seinen kleinen Bruder im Stich gelassen zu haben, verfolgt ihn Zeit seines Lebens. Ein großer Roman über Zweifel und Glauben, Unsicherheit und Sehnsucht.

Ullstein, 768 Seiten, 28 Euro, ISBN: 9783550050039

Mona Høvring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Zwei Schwestern: Ella und Martha, Anfang zwanzig. Sie sind im Abstand von nur einem Jahr am gleichen Tag geboren, fast wie Zwillinge und doch so unterschiedlich wie zwei Seiten einer Medaille – die dunkle, grüblerische Ella, die Ältere, und die helle, nicht fassbare, impulsive Martha. Gemeinsam fahren sie in ein Sanatorium mitten in den winterlichen norwegischen Bergen, das in der kalten, kahlen, weißen Landschaft »seine Schwingen über dem steilen Berghang ausbreitet«. Hier soll Martha sich von einem Nervenzusammenbruch erholen. In der Abgeschiedenheit, dem aus der Zeit gefallenen Schwebezustand sind die Schwestern mit ihren Gefühlen konfrontiert, ihrer bis zu Marthas Heirat symbiotischen Beziehung und dem Drang, eigene Wege zu gehen. Als beide sich für die androgyne Rezeptionistin des Sanatoriums zu interessieren beginnen, führt das zu weiteren Spannungen und fordert Entscheidungen. In einer ebenso einfachen wie kraftvollen Sprache erzählt Mona Høvring die Geschichte von Ella und Martha und der Kraft, die aus der Suche nach der eigenen Identität entsteht. Ein Buch über Jungsein, Bindungen und Eigenständigkeit, erotische Erkundungen, Gefühlsverwirrungen und vor allem über innere Freiheit.

Edition fünf,  136 Seiten, 19 Euro, ISBN: 9783982069227

Stig Sæterbakken : Durch die Nacht

Karl Meyer ist Zahnarzt und führt ein durch und durch bürgerliches Leben. Doch als sein erst achtzehnjähriger Sohn Ole-Jakob Suizid begeht, droht es die Familie zu zerreißen. Karls Frau Eva steht unter Schock, die Tochter Stine verstummt. Auch Karl ist in seiner Trauer gefangen. Er denkt zurück an sein Kind, vor allem aber an das, was die Familie schon vor dessen Tod auf eine Belastungsprobe stellte: Karls Liebschaft mit der deutlich jüngeren Mona. Ist es diese Affäre, die Ole-Jakob in den Tod getrieben hat? Die Schuldfrage steht im Raum – und Karl läuft davon. Er begibt sich auf eine Reise in die Slowakei. Dort hofft er, Erlösung zu finden: in einem Haus, in dem man, so heißt es, mit seinen tiefsten Ängsten konfrontiert wird – und das man entweder gebrochen oder geheilt verlässt.

DuMont Buchverlag, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN: 9783832183653

Jon Fosse: Der andere Name: Heptalogie I – II

Asle, ein Maler, lebt seit dem Tod seiner Frau allein in einem kleinen Ort bei Bjørgvin, einer Stadt, die an der Südwestküste Norwegens liegt. Er will nicht mehr malen, was er sieht, sondern will bis zu einem Punkt vordringen, der hinter dem Gegenständlichen liegt. In seinem gerade vollendeten Ölgemälde etwa, auf dem sich zwei breite Pinselstriche kreuzen, bringt er ein besonderes Licht zum Vorschein, ein beinahe göttliches Leuchten. Seine einzigen Freunde sind sein alter Nachbar Åsleik, ein Fischer und Kleinbauer, der Junggeselle ist, sowie Beyer, sein in der Stadt lebender Galerist. Dort lebt auch ein anderer Asle, der ebenfalls Maler, aber dem Alkohol verfallen und sehr einsam ist – zwei Versionen eines Menschen, zwei Versionen eines Lebens. Dass sie einander in der Weihnachtszeit begegnen, ist das Herzstück des Romans.

Rowohlt, 480 Seiten, 40 Euro, ISBN: 9783498021412

Lotta Elstad: Mittwoch also

Die 33-jährige Hedda, Journalistin in Oslo, hat eine Lebenskrise: Ihr wird gekündigt, und ihre Langzeitaffäre (und heimliche große Liebe) Lukas macht Schluss mit ihr. Sie wählt die große Geste und bricht zu einer Irrfahrt quer durch Europa auf, die mit einem Fast-Flugzeugabsturz über Sarajewo beginnt und mit einem One-Night-Stand mit dem Aussteiger Milo in Berlin endet. Zurück in Oslo stellt sie fest, dass sie ungewollt schwanger ist. Sie ist sich sicher, dass sie das Kind nicht behalten und eine schnelle Abtreibung möchte. Doch gar so einfach macht man es ihr nicht, denn der Arzt eröffnet ihr, dass sie zunächst eine mehrtägige Bedenkzeit einhalten muss. Und diese bringt Hedda ins Grübeln.

Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 18 Euro, ISBN: 9783462052039

Mykle

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Stig_Groß

Fosse

Elstad

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Oden

David Van Reybrouck:  Oden

Oden schreiben – ich kann es nur empfehlen: Es macht einen aufmerksamer, begeisterungsfähiger, neugieriger, dankbarer.

Inhalt:

Ode an die Ex
Ode an die nächtliche Autofahrt
Ode an das geniale Tastentüfteln
Ode an das Offline-Sein
Ode an ein Schlachtfeld von Farbe
Ode an den verliebtesten Popsong aller Zeiten
Ode an die Brüderlichkeit
Ode an die namenlose Stelle
Ode an die Eifersucht
Ode an den Frühling
Ode an die Bahnhofsgaststätte
Ode an Anne Teresa de Keersmaeker
Ode an den schönsten Menschen
Ode an meine Narben
Ode an Sony Labou Tansi
Ode an den Mut
Ode an den ungeborenen Nachwuchs
Ode an den Lämmergeier
Ode an das Trampen
Ode an Joost Zwagerman
Ode an das Scheitern
Ode an Paris
Ode an die Konzentration
Ode an die Putzfrau
Ode an die Eucharistie
Ode an den Trost
Ode an das Stimmengewirr
Ode an das Wiedersehen
Ode an den Teppich von Bayeux
Ode an David Bowie
Ode an die Organspende
Ode an unsere religiösen Autoritäten
Ode an das Risiko
Ode an das Nichtfotografieren
Ode an Leonard Cohen
Ode an den Umkleideraum
Ode an das Zuhören
Ode an eine Transperson
Ode an die Toten in meinem Telefon
Ode an die Wehmut von Wendy Rene
Ode an William Kentridge
Ode an die Bindungsangst
Ode an die niederländische Sprache
Ode an die stille Liebe
Ode an die Nonchalance
Ode an Fatma Aydemir
Ode an Arvo Pärt
Ode an die älteren Freunde
Ode an die Schönheit
Ode an die Reue
Ode an die fluide Sexualität
Ode an Kofi Annan
Ode an den Bierdeckel
Ode an das Leben

Insel Verlag, 239 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783458178255

Oden

Stoppok: Lieblingslieder

Frau V. wundert sich hauptberuflich, wäre meistens lieber am Meer, lebt, liebt und hört Musik jedoch meistens im Ruhrgebiet. Wer mehr von ihr lesen möchte, findet Frau V. auch bei Twitter.

Ich war 16 Jahre alt,  als meine Mutter mich überredete, sie zu einem Konzert im Musik Zirkus in Oberhausen zu begleiten. Sie wusste selbst nicht so ganz, was es war: „Irgendein Sänger, Deutschrock oder so …“ Ich mochte den Laden und ging wohl deshalb mit. Stefan Stoppok sang „Pass auf,  ich bin giftig, ich trink Terpentin, komm mir nicht zu nah, sonst lass ich ein zieh´n…“. Stoppok war lässig, alternativ und genau mein Ding. Ich kaufte seine CDs, bekehrte Freunde und Bekannte und schon bald wurden Stoppoks Lieder am Lagerfeuer gesungen, liefen in der Stammkneipe und trösteten über den nächsten Liebeskummer hinweg. Es folgte ein weiteres Konzert im gleichen Jahr und seitdem 30 weitere, irgendwann habe ich einfach aufgehört zu zählen. Stoppok traf unseren Zeitgeist, wir fühlten uns abgeholt, von diesem Typen, der wie wir ausm Pott kam, wie wir bunte Klamotten trug, Bier trank und irgendwie so cool wirkte, wie wir sein wollten. Seine Alben waren und sind immer humorvoll und klug, tiefgründig und leicht – manchmal fast albern, dann wieder melancholisch, fast leidend – wie das Leben eben. Und schließlich macht ihn genau das aus. Er ist authentisch, glaubwürdig und sagt seine Meinung. Seine Stimme ist markant, sein Gesang schnodderig und er vergisst regelmäßig die eigenen Texte, kokettiert damit jedoch so charmant, dass es ihm niemand übel nimmt. Lieber Stefan, bitte mach weiter bis du knapp über 90 bist und der Kühlschrank lauwarm!

Zwischen Twentours und Seniorenpass

Diese Textzeile passt nicht mehr, auf ihn, der gerade knapp über 60 ist und nicht mal auf mich, die demnächst 40 wird. Aber ich hab sie mit 20 gesungen und werde es weiterhin tun.

Ich bin grad knapp über 30, war noch nie so richtig fleißig, hab nur das Nötigste gemacht, mich über Stress nur schlapp gelacht …

Denk da lieber nochmal drüber nach

26 Jahre nach Veröffentlichung ist der Song aktueller denn je, tatsächlich würde ich sagen, brauchen wir heute genau diese Art von Liedern dringender als damals! Ein Song gegen rechts!

Je grauer die Maus, bevor die Mauer fiel, desto mehr entdeckt sie jetzt ihr Nationalgefühl – ich würd mich schämen, denk da lieber nochmal drüber nach …

Auf festem Grund

Liebe und Vertrauen wie es sein sollte, eine Verbindung, die 100% da ist, die Gewissheit, dass es richtig ist und wenn man sich nicht sieht, loslassen! Vertrauen! Klingt bei Stoppok so leicht, ist oft so schwer.

Und wenn du was hast, was du nicht mit mir teilst, dann bleib ich entspannt und leg meine Hand in den Schoß – und lass die Leinen los …

Viel zu schön

Als der Song erschien, war er meine persönliche Hymne, insgesamt einer meiner Lieblingssongs. Es ist so wichtig man selbst zu sein, sich treu zu bleiben, eine Persönlichkeit zu entwickeln und bloß nicht „einer Fahne hinterher zu laufen, ohne zu wissen, was drauf steht.“ Heute einer der wichtigsten Werte, den ich versuche meinen Kindern mitzugeben.

Viel zu schön hier auf der Erde, viel zu schön für´n Leben inner Herde, lass sie ziehn, ganz egal wohin.

Learning by burning

Wer Stoppok kennt, kennt auch Willie und Gerd, Freddie und Horst und Wellness Werner. Stoppok erzählt gern Geschichten und die mit Abstand lustigste berichtet von einer Party auf dem Land, ein paar unbeaufsichtigten Kindern und dem anschließenden Feuerwehreinsatz. Darf man denn Spaß über ein brennendes Kind machen? Stoppok macht´s und es ist witzig!

Es gab wirklich keinen, der es nicht noch viel besser wusste, doch reden alleine, das weiß jedes Kind, hilft weder bei Feuer noch bei starkem Wind …

Geh aufrecht

Der Song macht Mut, baut auf und hat mich in einer emotionalen Phase getroffen. Vielleicht fühle ich mich ihm deshalb so verbunden.

Geh aufrecht und du siehst das Andere – in dir!

Wie tief kann man seh´n

An einem Sonntag im Oktober den Regentropfen beim Hinabperlen am Fenster zusehen. Das ist ungefähr die Stimmung dieses Songs, der das Ende einer Beziehung beschreibt. Melancholisch schön.

Wo wirst du jetzt sein, in welchem Labyrinth, wie rau ist die See, wie stark der Wind?

Wetterprophet

Eigentlich ebenfalls ein hochaktueller Song über die Unsicherheit, wohin es gehen soll, wie es weiter gehen soll, wofür man noch kämpfen soll.

Ich schwör dir, ich wär nicht der einzige hier, der bereit wär zu kämpfen, wenn er wüsste wofür …!

Aus dem Beton

Vom Album „Aschklar“, das erste, das ich besaß und bis heute ein grandioses Liebeslied, das live häufig als Zugabe kommt. Die Geschichte einer Liebe und ein Song, der jedes Verliebtsein begleitete und bis heute alte Gefühle und Erinnerungen transportiert. Zwei einsame Seelen, die sich begegnen und es kommt ihnen vor „als wär der Winter zu Ende“. Kann man es schöner ausdrücken? Kaum!

Er hielt sie fest, sie sagt, bitte halt mich fester, sie sitzen da, es ist endlich wahr.

Der Container

Auf dem Album  „Arschklar“ befindet sich auch der Containersong, der gar kein Stoppok-Song ist. Günni war ein Unikat der Essener Südstadt, lange obdachlos, mittellos und schließlich von Stoppok entdeckt. Am Ende seiner Konzerte holte Stoppok Günni auf die Bühne, der mit Akkordeon kam und den Containersong sang. Jeder konnte mitsingen! Nach Günnis Tod spielte Stoppok den Song nicht mehr, weil er ohne Günni eben nicht funktioniert!

Ich möcht ein Container sein, von Rhein und Ruhr, und ist der Container voll, so werd ich rattendoll.

Hier die Playlist der Songs auf Spotify

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Heinz Strunks Intimschatulle

Heinz Strunk: Nach Notat zu Bett: Heinz Strunks Intimschatulle

Drei Jahre lang hat Heinz Strunk öffentlich Tagebuch geschrieben, in der ‚Titanic‘, es fing an als eine Art Parodie auf Diarien bedeutungsvoller Schriftsteller („Nachmittags eine Gabe von Thee“), entwickelte jedoch bald ein ganz eigenes Leben in einem weiten Feld zwischen unernster Figurenrede, Kurzessayistik, Aphorismus, Quatsch, Trübsinn und auch nicht wenig Tiefsinn. Aus dieser Kolumne ist nun ein Buch geworden. Aufgeteilt in 12 Monate bringt Strunk hier weltenweit Entferntes zusammen: „Alltagsbeobachtungen“, Lektüren, Privatfernsehabende bei viel Alkohol, Aphorismen, Selbstbeobachtung beim Altern, alberne „Karrieretipps“, manchmal auch Poesie. Damit ist die „Intimschatulle“ ganz große Humoristenklasse und in dieser Form ohne Vorbild.

1.1. Bereits  um 6 .45 Uhr aufgewacht  («wie eine Rakete im Bett»), Serotonin- und alle weiteren Spiegel vollkommen imKeller, schwere Morgen- und Neujahrs-Depression (obwohlich gestern lediglich eine «party for one» gefeiert habe, die bereits gegen 1.30 Uhr mit einer Doppelfolge «Medical Detectives» endete). Nach einem Weiterschlafbier (gönne ich mir nur noch alle Jubeljahre) dann Gott sei Dank Durchschlaf bis 11.30 Uhr. Zum Breakfast süß / herzhaft zwei dünne Scheiben gebutterter Toast / Konfitüre sowie eine Scheibe Graubrot mit polnischer Leberwurst & Tomatenachtel. Coffee & Cigarettengabe. Milde, regnerische 9 Grad, der erhoffte Wintereinbruchlässt weiter auf sich warten. Die ewigen Lamenti darüber, dass der Winter «in diesem Jahr wohl ausfällt», gehen mir trotzdem auf die Nerven. Von mir aus könnten auch alle Skitourismus-Hotspots pleitegehen. Wintersport: lächerlich, dumm und überflüssig. Die Zukunft gehört den Darts.

Rowohlt Buchverlag, 256 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783498001247

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Wie es uns gefällt

Jörg Fauser: Caliban Berlin

Box-Abende, ein Papstbesuch, die Demokratie, der Kulturbetrieb und der ganze wunderbare Zeitgeist – der vorliegende Band versammelt 55 entlarvende Kolumnen, die Jörg Fauser von 1980 – 84 für das Berliner Magazin ›tip‹ geschrieben hat.

Eine gute Wahrsagerin ist eine Mischung aus Hexe, Krankenpflegerin, Drogenpusher und Lebensberatung. Wenn Sie dazu noch eine Frau ist, die gut aussieht, kann das, was sie weissagt, noch so vage sein, der Kunde wird sich nie geneppt fühlen. Er bekommt am helllichten Tag gesagt, was er im Dunkeln schon immer gespürt haben will, und das ist mehr als das mit dem Schampus und der Schickse, die auf Liebling macht.

Diogenes, 368 Seiten 24 Euro, ISBN: 9783257070712

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Nach der Trauer kommt wieder Mut

Isabel Bogdan: Laufen

Eine Frau läuft. Schnell wird klar, dass es nicht nur um ein gesünderes oder gar leichteres Leben geht. Durch ihre Augen und ihre mäandernden Gedanken erfährt der Leser nach und nach, warum das Laufen ein existenzielles Bedürfnis für sie ist. Wie wird man mit einem Verlust fertig? Welche Rolle spielen Freunde und Familie? Welche Rolle spielt die Zeit? Und der Beruf? Schritt für Schritt erobert sich die Erzählerin die Souveränität über ihr Leben zurück.

Der objektive Dreck tut nichts zur Sache, der ist ganz egal dafür, wie dreckig es einem geht, und ich habe dich ja oft genug gefragt, was dir fehlt und was du brauchst, und du wusstest selbst, dass dir nichts fehlte, was ich dir hätte geben können, und konntest nicht in Worte fassen, was du brauchst, du hast gesagt, du brauchst nichts, es geht schon, und dann ging es ja auch wieder.

Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783462-053494

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Wunderbare Literatur

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze.  Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt
intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts
entgegensetzen können.

Nach Mas Fortgang machten sich im Laufe der folgenden Wochen auch Kyas ältester Bruder und ihre beiden Schwestern davon, als folgten sie dem Beispiel ihrer Mutter. Sie hatten Pas zornglühende Wutanfälle ertragen, die mit lautem Geschrei begannen, dann zu Fausthieben oder brutalen Schlägen eskalierten, bis sie einer nach dem anderen verschwanden. Sie waren ohnehin schon fast erwachsen. Und später konnte sich Kya weder an ihr Alter noch an ihre richtigen Namen erinnern, nur dass sie Missy, Murph und Mandy genannt worden waren. Auf ihrer Verandamatratze fand Kya einen kleinen Berg Socken, den ihre Schwestern ihr dagelassen hatten. An dem Morgen, als von allen Geschwistern nur noch Jodie geblieben war, nahm Kya beim Aufwachen lautes Geschepper und heißen Fettgeruch wahr, als würde Frühstück gemacht. Sie flitzte in die Küche, weil sie dachte, Ma wäre zurück und würde Maisküchlein und Pfannkuchen backen. Aber es war Jodie, der am Holzofen stand und im Grießtopf rührte. Sie lächelte, um die Enttäuschung zu überspielen, und er tätschelte ihr den Kopf, sagte dann sanft, sie solle leise sein: Wenn sie Pa nicht aufweckten, konnten sie allein essen. Jodie wusste nicht, wie man Brötchen backte, und es gab keinen Speck, also kochte er Grieß und briet Rühreier in Schmalz, und sie setzten sich an den Tisch, wechselten stumme Blicke und lächelten einander an.

hanserblau, 464 Seiten, 22 Euro, ISBN: 9783446264199

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Von der Radikalisierung des Individuums

Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Berlin, in einer nahen Zukunft. Die Stadt pulsiert dank der Hubot-Industrie: Robotik-Unternehmen stellen künstliche Partner*innen her, die von realen Menschen nicht zu unterscheiden sind; jede Art von Beziehungswunsch ist erfüllbar, uneingeschränktes privates Glück und die vollständige Abschaffung der Einsamkeit sind kurz davor, Wirklichkeit zu werden. Doch die Zahl der Selbsttötungen hat sich verzehnfacht. Denn die neuen Wesen beherrschen zwar die hohe Kunst der simulierten Liebe, können aber keine Verantwortung für jene übernehmen, mit denen sie zusammenleben. Immer mehr Menschen gehen an sozialer Entfremdung zugrunde. Deshalb kommt Roberta auf den Markt. Sie soll die Angehörigen der Suizidant*innen ausfindig machen, um dem Sozialamt die Bestattungskosten zu ersparen. Versagt sie, wird sie in Einzelteile zerlegt und an die Haushaltsrobotik verscherbelt. Und nicht jeder ist am Erfolg ihrer Ermittlungen interessiert.

Sie war herzlos und hochempfindlich, aber frei, die erste Ermittlerin dieser Art. Sie gehörte niemandem und hatte mehr Entscheidungsgewalt als ein durchschnittlicher Polizeibeamter. Ihre kleine Dienstwohnung lag im ersten Stock einer gertenschlanken Gasse. Mit Bad und zwei Räumen mit spärlicher Einrichtung: Bettsofa, Tisch, ein Stuhl, Sideboard, Schrank. Ein schmaler, langer Spiegel neben dem Wohnzimmerfenster. Der Raum war spärlich beleuchtet mit einer gedimmten Glühbirne an einer Stehlampe, die neben der Tür auf dem Belag stand. Roberta betrachtete ihr Spiegelbild. In ihrem Gesicht flackerte die diffuse bläuliche Neonschrift des Spätis von gegenüber, die sich im Nebel zerlegt hatte. Ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Ihr Hals hatte Altersfalten, Jahresringe, die auf Lebenserfahrung hindeuten wollen. Sie nahm die perfekte Asymmetrie ihrer Brüste wahr, die linke Brust war kleiner als die rechte. Bescheidene Speckrollen legten sich um die Hüften. Sie zupfte an ihrem brünetten Shag und ertastete die schambraunen Locken zwischen den Beinen, die als biblischer Busch verleugneten, dass sie igentlich kein feuchtes Sakrament zu bewachen hatten, sie beschirmten eine Lust, die ihr nicht einprogrammiert war. Das Haar roch nach Paradichlorbenzol, das in Mottenkugeln enthalten ist. Roberta begriff, sie verkörperte die dressierte Natürlichkeit einer gereiften Frau, die nicht für die Liebe gedacht war. Sensorisch feinfühlig, aber nicht mal empfänglich für einen Hustenanfall. Sie sollte keine gebärmutterfreche Flamme sein. Sie war kein gewolltes Kind dieser mächtigen Hubotpartnerbörsen, sie war bloß der Hoffnungsschimmer der Intellabour GmbH, einem Start-up, das den umkämpften Arbeitsmarkt auch noch mit intelligenten Arbeitskräften fluten wollte.

Suhrkamp, 270 Seiten, 22 Euro, ISBN: 9783518428832

Braslawsky

Geschichten einer Fußpflegerin

Katja Oskamp; Marzahn, mon amour

Katja Oskamp ist Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen. Also macht sie etwas, was für andere dem Scheitern gleichkäme: Sie wird Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, einst das größte Plattenbaugebiet der DDR. Und schreibt auf, was sie dabei hört – Geschichten wie die von Herrn Paulke, vor vierzig Jahren einer der ersten Bewohner des Viertels, Frau Guse, die sich im Rückwärtsgang von der Welt entfernt, oder Herrn Pietsch, dem Ex-Funktionär mit der karierten Schiebermütze. Geschichten voller Menschlichkeit und Witz, Wunderwerke über den Menschen an sich – von seinen Füßen her betrachtet.

Du bist in einem Alter, in dem dich die Jugend deines Kindes noch an deine eigene erinnert und dich die Krankheit deines Mannes schon von der Geliebten zur Pflegerin gemacht hat. Du kannst, da du in der Mitte des großen Sees auftauchst und weiterschwimmst, viel sehen, viel verstehen und dir noch mehr vorstellen. Du bist in einem Alter, in dem sich, wenn ein Abenteuer beginnt, der Gedanke an dessen Ende bereits klammheimlich einschleicht. Die mittleren Jahre, in denen ich als Fußpflegerin in Marzahn gearbeitet habe, werden gute Jahre gewesen sein.

Hanser Berlin, 144 Seiten, 16 Euro, ISBN: 9783446264144

Marzahn