Ein Inder in New York auf der Suche nach Liebe

Amitava Kumar: Am Beispiel des Affen

Mit weit aufgerissenen Augen kommt der indische Student Kailash 1990 nach New York. Er passt sich mühelos an, will sich einfügen – mehr noch, er will glänzen. Voller Ironie und Selbstzweifel erzählt er von seinen Jahren auf dem Campus, von den Frauen, in die er sich verliebt, die sich jedoch ziemlich rasch wieder entlieben. Amitava Kumar entwirft das Porträt von einem, der zwischen den Kulturen steht – und sich dabei nichts sehnlicher wünscht, als flachgelegt zu werden. „Am Beispiel des Affen“ ist ein explosiver Einwandererroman, virtuos gefügt aus Text und Bild, Erzählung und Essay, Anekdote und Anmerkung. Ein Lebensroman, der tief eintaucht in die Wirren des Begehrens und der kulturellen Missverständnisse.

Hanser Verlag, 326 Seiten, 23 Euro, ISBN: 9783446261723

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Erinnerungen sind ja Scheiße, aber Geschichten halten das Leben zusammen

Jörg Fauser, The Snowman

“Irgendwann mal würde ich gern mit ein paar Freunden auf einer kleinen Insel leben, sie müßte ja nicht zu den Bahamas gehören. Vielleicht eine Bar betreiben, nichts Mondänes, ein kühles Plätzchen am Hafen, durchs Fenster kann man die Boote sehen. Vielleicht ein paar Stühle draußen unter der Markise, für die Touristen. Ein Tagesgericht, sonst nur Sandwiches und Drinks, aber die besten der Gegend. Man könnte fischen gehen, ab und zu auf die Nachbarinsel, wo es ein Spielkasino gibt. Jeder macht in aller Ruhe das, was er will. Einmal in der Woche ginge ich mit dem Vizekonsul und dem englischen Romanschriftsteller und dem Schnapsschmuggler ins Bordell, der Geschichten wegen. Ich weiß, du magst keine Geschichten, aber vielleicht brauchst du keine. Erinnerungen sind ja Scheiße, aber Geschichten halten das Leben zusammen. Manchmal, wenn du den großen Horror hast, ist eine gute Geschichte das einzige, was noch hilft.”

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Zufall? Schicksal?

Marion Brasch: Lieber woanders

Toni und Alex kennen sich nicht und sind doch auf verhängnisvolle Weise miteinander verbunden.  Toni leidet unter dem Verlust ihres kleinen Bruders, für dessen Tod sie sich verantwortlich macht. Alex führt ein Doppelleben und trägt an einer Schuld, über die er nie gesprochen hat. 24 Stunden bewegen sich die beiden aufeinander zu, bis sich ihre Wege trotz skurriler Begegnungen und komischer Zwischenfälle schließlich kreuzen.
Marion Brasch erzählt diese Geschichte vom Leben und Überleben in einem klaren,
aufmüpfigen und warmen Ton und mit großem Gespür für die Augenblicke, die über Glück oder Unglück entscheiden.

Ein Vogel tschilpt im Baum. Toni hat nichts gegen Vögel, aber dieses Tschilpen geht ihr auf die Nerven.  Es erinnert sie an etwas, an das sie nicht erinnert werden will. »Hau ab, du Vogel«, sagt sie. Der Vogel bleibt und tschilpt unbeeindruckt weiter. Scheißvogel, denkt Toni und nimmt einen Schluck aus der Colaflasche. Morgen wird sie in die große Stadt fahren und die Verlagsfrau treffen, die ihre Bilder gut findet und ein Buch daraus machen will. Verrückte Sache. Hätte ihr das jemand noch vor ein paar Wochen gesagt, hätte sie ihm einen Vogel gezeigt. Tschilp. »Halt die Fresse, Idiotenvogel«, sagt Toni, steht auf, pflückt zwei Tomaten und geht in den Wohnwagen. Sie wird die Zeichnungen gleich noch mal durchgucken und dann zur Schicht beim Schönen Ringo fahren. Seit ein paar Wochen hilft sie wieder manchmal bei ihm aus. Sie braucht das Geld für die Reise nach Neuseeland. Da wollte sie schon immer hin, und hier hält sie nichts mehr.
Nicht nach diesem Sommer.

S. Fischer, 160 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783103974133

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Über den Durst

Mark Forsyth: Eine kurze Geschichte der Trunkenheit

Kenntnisreich und berauschend witzig beschreibt Mark Forsyth in seiner feuchtfröhlichen Kulturgeschichte des Betrunkenseins, warum wir evolutionär danach streben, dem Alkohol zuzusprechen. Seriös und voller Enthusiasmus berichtet er von alten Ägyptern mit Schlagseite, Weintrinkern im antiken Griechenland und sternhagelvollen Wikingern, die wie uns ihre Liebe zum Alkohol einte.

Ich ließ mich beim Trinken nie auf Streit ein, nur wenn ich nüchtern war und wusste, was ich tat. Denn beim Trinken war ich immer so glücklich. Ich liebte alle, und am liebsten ganz offenbar auch mich.

Klett-Cotta, 271 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783608964073

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Wie ein Tier im Käfig

Anna Gien, Marlene Stark: M

Hier scheppert der DJ-Rollkoffer unerbittlich über Berliner Kopfsteinpflaster, schweißnasse Schaumstoffmatratzen treiben in ranzigen, beatdurchwummerten Kellern am Leser vorbei; eine von Erektionen umstellte Fitnessradtour im Kreuzberger Zimmer hilft das Speed abzubauen. Die Wände des Darkrooms kleben, Galeristen gieren nach frischem Fleisch und Plastikschwänzen. M. liefert sich aus und reißt die Macht an sich, sie fickt die Kunstszene, während sie für ihre nächste Ausstellung Gelnageldesignerinnen und Massagestühle auftreibt. M. ist das Protokoll einer Ermächtigung des eigenen Körpers, des eigenen Begehrens, und kalter Bericht über das Ausbeutungsgefüge im Kunstbetrieb – in einer Sprache, die schonungslos die Entwicklung der Erzählerin von einer zynischen Beobachterin zur strippenziehenden Regisseurin vollzieht.

Zwischen den wippenden Körpern verschwindet J.s Lockenmähne im Nebel. Es fängt an zu krisseln, rauscht an den Rändern, der Sound übersteuert ganz leicht, die Silhouetten bäumen sich auf, sinken ab, lösen sich, werden wieder Teil. Rausch beginnt immer ein bisschen banal. Einzelne Glieder ranken nach oben, noch etwas unbeholfen, bis die Musik sie greift. Dann versinkt alles in ihr. Liminals heißt das Video von Jeremy Shaw, in dem er die spirituellen gatherings der 70er mit den hedonistischen Subkulturen der Gegenwart zu einer verstörenden Vision von Bewegung zusammenführt. Dance-Induced-Sci-Fi Dystopia nennt er das. In einer Sequenz sich langsam verschaltender Schwarz-Weiß-Aufnahmen verbeißen sich vor Ekstase verzerrte Gesichter ineinander. Ihr Ausdruck schmilzt im Zeitraffer von einer Bewegung in die nächste. Die Zuckungen sind entschleunigt, die Kamera fängt jede noch so winzige Verschiebung ein. Jede Sekunde kristallisiert auf der Bildoberfläche, wird skulptural wie Magma, das erhärtet. Manufaktur des Rauschs.

Matthes & Seitz Berlin, 248 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783957576941

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Kritzeleien

J. J. Abrams & Doug Dorst: S. – Das Schiff des Theseus

Eine junge Studentin findet in der Bibliothek ein Buch, in das ein anderer Student Hunderte von Randbemerkungen gekritzelt hat, offenbar im Bemühen, der wahren Identität des unter Pseudonym schreibenden Autors V. M. Straka auf die Spur zu kommen. Die junge Frau ist fasziniert und ergänzt die Notizen mit eigenen Mutmaßungen. Zwischen den beiden Studenten Jen und Eric entspinnt sich eine lebhafte Unterhaltung, die allein auf den Seiten des Romans »Das Schiff des Theseus« stattfindet. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem mysteriösen Autor V. M. Straka. Ein unbekannter Übersetzer hat den Roman herausgegeben und ihn mit teilweise verwirrenden Fußnoten versehen. Doch die beiden finden heraus, dass diese Fußnoten einen geheimen Code ergeben, der ihnen Informationen liefert, die der Straka-Forschung bisher völlig unbekannt waren. Was wie ein Spiel beginnt, wird im Laufe der Zeit bitterer Ernst, denn jemand scheint Interesse daran zu haben, dass die Identität des Autors nicht gelüftet wird. Jen und Eric geraten in gefährliche Verstrickungen, die sie fast das Leben kosten.

Kiepenheuer & Witsch 2015, 544 Seiten, vergriffen, ISBN: 978-3462047264

 

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Der letzte Sommer vor der Wende

Frank Goosen: Kein Wunder

Berlin, 1989. Fränge ist Anfang zwanzig und genießt das Leben in vollen Zügen. Freundinnen hat er gleich zwei: Marta im Westen und Rosa im Osten – die natürlich nichts voreinander wissen. Als Förster und Brocki aus Bochum zu Besuch kommen, macht das die Sache nicht einfacher, denn Rosa bringt auch bei Förster so einiges in Unordnung. Die drei Freunde aus dem Ruhrgebiet erleben zwei Biotope in ihren letzten Monaten: die Subkultur Westberlins und die Dissidentenszene im Osten – junge Leuten wie sie, die gerade ihren ganz eigenen Aufbruch organisieren. Aber auch zu Hause im Ruhrgebiet ist nichts mehr wie es mal war. Film, Musik, Klubs und Kneipen – alles jung und in Bewegung. Da kann man sich ausgezeichnet streiten, welche Welt mehr zu bieten hat: die alte tief im Westen oder die hinter der Mauer am anderen Ende des Landes.

Förster und Brocki gingen in Martinas Zimmer, Brocki zog sich seinen Pyjama über und schlurfte ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, während Förster der Versuchung erlag, an einem von Martinas Kleidern zu riechen. Er war sich bewusst, dass das nicht in Ordnung war, war aber zu angetrunken, um sich selbst davon abzuhalten. Das Kleid roch nach Waschmittel, sonst nichts.  Förster hatte keine Ahnung, was er erwartet hatte. Er legte sich aufs Bett und wartete darauf, dass Brocki zurückkam, aber der ließ sich Zeit. Vorhin, als sie über die Partys von damals gesprochen hatten, war Förster in einem Moment melancholischer Klarsichtigkeit aufgefallen, dass es eine ganz besondere Statik zwischen ihnen dreien gab. Sie mochten ein Dreieck sein, aber kein gleichseitiges, höchstens ein gleichschenkeliges. Und Förster war die kurze Seite.

Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783462052541

Goosen

Das Refugium des Dichters

Thomas Bernhard: Hab & Gut:

Als Thomas Bernhard 1965 den Vierkanthof in Ohlsdorf, Oberösterreich kaufte, stand ihm die Vision eines zum „Denk- und Schreibkerker“ geeigneten Wohnsitzes vor Augen. Das stark verfallene Gebäude aus dem frühen 14. Jahrhundert, das bereits zum Abriss bestimmt gewesen war, wurde von seinem neuen Besitzer über zehn Jahre hinweg bei Erhalt seiner Proportionen und Architektur zu etwas völlig Neuem: dem anspruchsvollen Landsitz eines exzentrischen Einzelgängers. Jeder Raum, jedes Möbelstück, jedes ausgewählte Buch darin diente der Inszenierung seiner, mit erlesenem Stilbewusstsein ausgestatteten, Person. Tief beeindruckt von diesem durchkomponierten Haus, versammelt André Heller namhafte Experten, die Bernhards Leidenschaft zur Inszenierung nachspüren. Welches Verhältnis hatte Thomas Bernhard, der ewige Provokateur und international gefeierte Schriftsteller, zu Fragen der Mode und des Stils? Wie hat er gewohnt, womit hat er sich umgeben? Wie war seine Schallplattensammlung? Welche Bücher wählte er für seine Bibliothek aus?

Brandstätter Verlag, 144 Seiten, 35 Euro, ISBN: 9783710603105

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Auf Wiedersehen Stumpenrudi

Rudolf „Rudi“ Assauer (* 30. April 1944; † 6. Februar 2019)

Der Tod von Rudi Assauer hat große Betroffenheit ausgelöst. Es sind viele tolle Nachrufe geschrieben worden, sein Leben und Wirken in kurzen Artikeln bestmöglich zusammengefasst. Seine Biografie „Wie ausgewechselt: Verblassende Erinnerungen an mein Leben“ und die filmische Dokumentation „Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende“ bleiben fürs Archiv  bestehen. Die Lektüre und der Film sind nicht nur für Schalker geeignet und nicht nur eine nachdenkliche Beschäftigung für einen verregneten Sonntag im Februar 2019, sondern auch darüber hinaus wertvoll.

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Von Sehnsucht und Träumen

Mathijs Deen: Unter den Menschen

Seit dem Unfalltod seiner Eltern wohnt Jan allein auf dem Hof am Rande der Nordsee, das Leben geht seinen Gang, aber die Einsamkeit nagt an ihm. Ein bisschen Gesellschaft wäre schön, eine Frau, Gespräche, Sex, vielleicht sogar eine eigene Familie? Jan gibt eine Anzeige auf und erhält Antwort von Wil. Wil jedoch, so stellt sich heraus, verfolgt einen ganz eigenen Plan – sie sucht keine Liebe, sondern Ruhe vom Stadtleben und von den Enttäuschungen der Vergangenheit. Ihre einzige Bedingung lautet: Von dem Haus, in dem sie künftig leben wird, muss sie das Meer sehen können.
Literarisch, atmosphärisch und mit einem feinen Gespür für das Skurrile beschreibt Mathijs Deen den Prozess einer ungewöhnlichen Paarwerdung. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen zusammenzufinden. Kann das gut gehen?

Mare,  192 Seiten, 20 Euro, ISBN: 9783866482807

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